Lübeck im
Dezember 2005
Besorgnis erregende Zunahme von Liefersperren
Nach Einschätzung des Arbeitskreises Soziales nehmen die Fälle, in denen
die Versorgung von Wohnungen mit Strom und Wärme aufgrund von
Zahlungsrückständen eingestellt wird, dramatisch zu.
Der Arbeitskreis Soziales ist ein
Zusammenschluss von Vertretern aus über 20 in Lübeck ansässigen
Beratungsstellen wie beispielsweise Caritasverband, pro familia,
AWO-Frauenhaus, Humanistische Union, Mieterverein, Gemeindediakonie. Er
kommt mehrfach im Jahr zusammen, um soziale Belange aus den einzelnen
Beratungsfeldern zu diskutieren, die daraus gewonnen Erfahrungen und
Informationen zu bündeln und diese im Rahmen von Dialoggesprächen an
Vertreter der Hansestadt Lübeck, der Arbeitsgemeinschaft, des Bereiches
Soziale Sicherung sowie der EWL heranzutragen.
Besorgniserregend ist nach den
Beobachtungen des Arbeitskreises die soziale Kälte, mit der
Entscheidungen über den Vollzug von Liefersperren getroffenen werden,
denn oft sind gerade Kinder und Säuglinge die Leidtragenden solcher
Maßnahmen. Das Auflaufen von Rückständen bei Strom oder Wärme wird von
dem Versorger als schwere Zuwiderhandlung und zunehmend losgelöst davon
bewertet, ob die Folge einer Unterbrechung der Belieferung mit Gütern
der Daseinsvorsorge wie Strom, Wasser und Wärme im Einzelfall
gravierende Beeinträchtigungen in der Lebensführung der Betroffenen
herbeiführt. Stattdessen wird der Hahn zugedreht und der Betroffene mit
seinen Problemen allein gelassen. Dabei wird häufig zu spät und erst
nach Auflaufen eines enormen Rückstandes reagiert, so dass die ohnehin
nur sehr eingeschränkte Möglichkeit der Betroffenen zur Entrichtung von
Ratenzahlungen als nicht hinreichend Erfolg versprechend abgetan und
stattdessen ein vollständiger Zahlungsausgleich verlangt wird.
Als Reaktion auf die Liefersperre wird
in den nicht mehr versorgten Wohnungen alternativ auf Kerzenlicht und
Ofenheizung umgestellt, was regelmäßig mit einer erhöhten Brandgefahr
verbunden ist. Als weitere Folge ist ein Anstieg von Verzweifelung,
Depression und Suizidgefahren festzustellen. Der Arbeitskreis
befürchtet, dass die Verteuerung von Energiekosten und auch die enorme
Erhöhung der Abwasser- und Müllgebühren im Jahr 2005 zu einer weiteren
Verschärfung dieser Situation beitragen werden.
Der Arbeitskreis Soziales appelliert an
die Entscheidungsträger der Hansestadt Lübeck, dieser Entwicklung nicht
tatenlos zuzusehen. Es sollte mehr Bereitschaft zum Dialog mit den
Betroffenen gezeigt, die Vereinbarung von Ratenzahlungen ermöglicht und
beispielsweise auch dafür gesorgt werden, dass Rechnungsbeträge wieder
direkt beim Versorger durch Bareinzahlungen ausgeglichen werden können.
Denn viele der oft unverschuldet in Not geratenen Betroffenen verfügen
nicht über ein eigenes Konto.
Darüber hinaus sind Präventionsmaßnahmen
notwendig wie beispielsweise Seminarangebote, in denen Betroffene lernen
können, mit Geld umzugehen, in denen Einkommensverwaltung geübt und auch
die Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden kann. Es sind alle
Beteiligten aufgerufen, frühzeitig mit Augenmaß und unter gebührender
Beachtung der Verantwortung für das Gemeinwohl und den sozialen Frieden
daran mitzuwirken, dass den Betroffenen aktiv geholfen und ein
Ausgrenzungsprozess vermieden wird.
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