Lübeck, 4.11.2011
Lübeck braucht mehr
Seniorenwohnungen
Thomas Klempau, DMB Mieterverein Lübeck
Nach dem Ergebnis einer aktuellen
Untersuchung des Pestel-Instituts werden im Jahr 2020 mehr als 4.500
Rentnerinnen und Rentner in Lübeck auf die staatliche Grundsicherung im
Alter angewiesen sein. Das würde einen Anstieg noch in diesem Jahrzehnt
um fast 90 Prozent bedeuten.
Ein dramatischer Anstieg von Altersarmut
in Zeiten dramatisch abschmelzender Sozialwohnungsbestände ist in
mehrfacher Hinsicht beschämend. Ein Sozialstaat muss es sich wert sein,
Rahmenbedingungen zu setzen, die es allen Menschen ermöglicht, den
Lebensunterhalt mit ihrer Erwerbstätigkeit bestreiten und möglichst
lange und weitgehend selbstständig in den eigenen vier Wänden wohnen zu
können, ohne auf Transferleistungen, Sozialkaufhäuser oder Suppenküchen
angewiesen zu sein. Diametral gegenläufige Entwicklungen wie das
beschleunigte Wegbrechen bezahlbarer Wohnungen bei gleichzeitigem
Anstieg finanzschwacher Haushalte werden die Leistungsfähigkeit der
Kommune überfordern, die im Rahmen der Daseinsvorsorge letztendlich für
das Wohnen ihrer Bürgerinnen und Bürger verantwortlich ist.
Aktuell sind 13.000 Mitglieder bei dem
Mieterverein Lübeck organisiert. Etwa 50 Prozent der Mitglieder sind
älter als 55 Jahre. In den Beratungen geht es nicht immer nur um
mietrechtliche Angelegenheiten, sondern zunehmend um Sorgen und Ängste,
die finanziellen Belastungen aufgrund gestiegener Heiz- und
Betriebskosten oder aufgrund von Mieterhöhungen, und zwar insbesondere
wegen energetischer Gebäudemodernisierungen, nicht mehr tragen zu
können. Nach den Beobachtungen und Erfahrungen aus den jährlich rund
4.000 persönlichen Beratungsgesprächen gibt es im Bereich der
gewerblichen Wohnungswirtschaft in Lübeck viel zu wenige Unternehmen,
die bemüht sind, die Barrierefreiheit im Bestand über den öffentlich
geförderten Geschosswohnungsneubau signifikant und nachhaltig zu
erhöhen, so dass eine ausreichende Anzahl an kleinen preisgünstigen
Wohnungen entsteht, in denen Menschen bis ins hohe Alter verbleiben und
weitestgehend selbstständig klarkommen können.
Es ist an alle Akteure zu appellieren, den
Bedarf an preisgünstigen seniorengerechten Wohnungen in Anbetracht des
Ergebnisses aktueller Studien zu überprüfen und Strategien für eine
bedarfsgerechte Versorgung zu entwickeln. Es wäre nicht nur für die
Betroffenen fatal, mangels bezahlbarer barrierefreier Wohnungen in ein
Pflegeheim wechseln zu müssen. Auch aus Sicht der Gesellschaft ist das
nicht wünschenswert, da vorhandenes Vermögen oft schnell aufgebraucht
sein wird und dann die Allgemeinheit für die Pflegekosten einstehen
muss.
In Lübeck gibt es schon jetzt ein viel zu
geringes Angebot an kleinen bezahlbaren Wohnungen für die stetig
wachsenden Nachfragergruppen aus den Bereichen Leistungsbezieher,
Studierende, Senioren und allgemeine Singlehaushalte. Für Personen im
Leistungsbezug kommen wegen der knapp kalkulierten Richtwerte
übernahmefähiger Unterkunftskosten häufig nur deutlich geringere
Wohnflächen als eigentlich vorgesehen in Betracht. Die Zahl an
Studierenden nimmt allerorts deutlich zu und auch bei den
Seniorenhaushalten und im Bereich der prognostizierten Altersarmut
entstehen enorme Bedarfe an barrierefreien und preisgünstigen Wohnungen.
Hier müssen die Weichen in die richtige Richtung gestellt und die
finanziellen Rahmenbedingungen gesetzt als auch ordnungspolitische
Vorgaben gemacht werden, um eine ausreichende Versorgung in diesem stark
nachgefragten Wohnungssegment zu erreichen.
Die Planungen der Bundesregierung, die
KfW-Mittel aus dem Programm "Altersgerecht umbauen" zum Ende dieses
Jahres auslaufen zu lassen, sind in Anbetracht solcher Entwicklungen,
wie sie vom Pestel-Institut aufgezeigt werden, ebenso unsinnig und rasch
zu korrigieren wie das Herunterfahren finanzieller Fördermittel im
Bereich energetischer Modernisierungen bei gleichzeitiger Verschärfung
von Energiekennwerten im Gebäudebestand.
+
+ +